Retten Setzmaschinen den Bleisatz?

Detail einer Intertype Zeilensetzmaschine | Foto: Marcus Dassler

Sie setzen Texte in Windeseile, sind Wunderwerke der Ingenieurskunst, arbeiten zum Grausen jedes Arbeitsschutzbeauftragten mit kochend heißem Blei, wirken ganz schön aus der Zeit gefallen – und sind doch bei größeren Textvolumen im Buchdruck die Retter des Bleisatzes. Warum? Wir spielen ein fiktives Buchprojekt durch, in dem ein Verlag ein Buch im Bleisatz drucken lassen möchte.

Intertype-Setzmaschine | Foto: Marcus Dassler

Das Paradox der Setzmaschinen: Jeder schätzt sie, keiner will sie haben

Wir hatten in einem früheren Beitrag schon darüber nachgedacht, welche Bedeutung der Maschinensatz im Buchdruck und Letterpress heute hat, wobei man sowohl „noch“, als auch „wieder“ sagen könnte.

Setzmaschinen spielen in der Zukunft des Bleisatzes eine zentrale Rolle – das scheint nur kaum jemand zu bemerken, im Augenblick werden sie eher stiefmütterlich behandelt. Setzmaschinen im Bestzustand werden oft sogar verschenkt. Aktuell (Juni 2019) ist hier eine Intertype zu haben, ähnliche Angebote gibt es laufend.

Im Museum drängeln sich Lino-, Inter- und Monotypes und zahllose andere Varianten oft lustlos zusammengeschoben hinter roten Kordeln. In manchen alten Offizinen stehen sie noch aus Gewohnheit, werden aber nicht mehr angeheizt; in neu gegründeten Letterpress-Shops trifft man sie eher gar nicht oder bestenfalls als Deko an.

Das ist unendlich schade, denn kurz- bis mittelfristig könnten die Setz- und Gießmaschinen die beste Lösung für den Bleisatz im Buchdruck und Letterpress sein, während der Handsatz zunehmend zum Luxus wird.

Dafür gibt es mehrere Gründe. Die hohen Kosten (in erster Linie durch den zeitaufwand begründet) des Handsatzes sind ebenso gewichtige Faktoren wie die Tatsache, dass neue Schriftsätze für den Handsatz immer teurer werden – und bald auch gar nicht mehr so einfach ersetzt werden können. In Deutschland zum Beispiel gibt es mit Rainer Gerstenberg nur noch einen aktiven Schriftgießer.

Lettern- oder zeilensetz- und Gießmaschinen sind hier eine wirtschaftlich attraktive Alternative zum Handsatz bzw. das ästhetische Gegenmodell zum Fotopolymer-Klischee.

Allerdings ist auch der Maschinensatz nicht automatisch unsterblich. Leute, die eine Setzmaschine routiniert bedienen und technisch betreuen können, werden allmählich rar. Selbst, wenn man als Neueinsteiger in den Buchdruck den Maschinensatz erlernen möchte: Uns ist niemand bekannt, der eine Ausbildung an einer Setzmaschine anbietet. Von Reparaturen ernsthafter Schäden wollen wir hier gar nicht erst sprechen.

Was ist Maschinensatz?

Das Video beschreibt, wie sich die Entwicklung der Setzmaschinen zunächst mühsam, dann in großen Sprüngen, vollzog. Ottmar Mergenthaler war zwar der Konstrukteur der ersten praxistauglichen Maschine, es gab aber auch vorher schon kluge Köpfe, die sich mit der Beschleunigung des Setzens beschäftigten.

Was heißt Maschinensatz und welche Maschinen gibt es? Verschaffen wir uns zunächst einen Überblick.

Beim Maschinensatz werden in einer Maschine mit Hilfe von beweglichen Matrizen (kleine Gußformen) Bleilettern gegossen. Die Zeilensetzmaschine erzeugt ganze Textzeilen (in einem Stück), während die Letternsetzmaschine einzelne Lettern gießt, die aber auch als Zeilen ausgegeben werden. Die Maschinen können die Zeilen sogar automatisch ausschließen (mit Zwischenmaterial auf einheitliche Zeilenlänge bringen) und die verwendeten Matrizen in ihr Magazin zurücktransportieren.

In beiden Welten werden die Zeilen anschließend von Hand zu Druckformen zusammengefügt. Kleiner Vorteil der Letternsetzmaschine: Im Falle von Satzfehlern kann man schnell einzelne Lettern austauschen und muss nicht die ganze Zeile neu gießen.

Die wohl bekanntesten Vertreter ihrer Art sind die Linotype (von type a line oder lines of types) sowie die Monotype (Mono für einzelne Lettern).

Eine frühe Version im Stammbaum der Setzmaschinenevolution war die Typensetzmaschine, die sich jedoch nicht durchsetzte. Sie fügte einzelne Lettern zu Zeilen zusammen, wie sie auch im Handsatz gebraucht.

Interessant ist auch die Ludlow-Setzmaschine. Bei ihr wird der Text von Hand aus Matrizen zusammengefügt, die später zu Zeilen ausgegossen werden. Das klingt zunächst unpraktisch, weil ja der Aufwand des manuellen Setzens nicht entfällt. Es hat aber den Vorteil, mit einem kleinen Sortiment an Matrizen beliebig umfangreiche Texte setzen zu können, da die Matrizen nach dem Ausgießen der Zeile sofort wieder zur Verfügung stehen. Damit ist die Ludlow eine gute Lösung für Druckereien, die im Bleisatz arbeiten wollen, jedoch keine umfassenden Schriftenbestände haben (wollen).

Monotype-Setzmaschine im Book Art Museum Muzeum Książki Artystycznej in Łódź | Foto: Markus Lange markuslange.co
Matrizen für eine Monotype-Setzmaschine im Book Art Museum Muzeum Książki Artystycznej in Łódź | Foto: Markus Lange markuslange.co
Ein ganzer Saal voller Monotypes – und es scheint sogar Lehrlinge zu geben. Leider wird nicht verraten, welches Unternehmen hier am Werke ist.

Drei Wege zum Setzen umfangreicher Texte im Buchdruck: Klischee, Maschinensatz oder (für Unerschrockene) Handsatz

Wer größere Texte im Buchdruck verarbeiten möchte, ohne dabei zu verarmen, hat eigentlich nur zwei Optionen: Er arbeitet mit Klischees oder im Maschinensatz in Blei. Die Betonung liegt hier auf größere, also alles ab vielleicht 8 Seiten A4.

Die dritte Version wäre, er ist unerschrocken, liebt den Handsatz (oder findet einfach keine Matrizen der gewünschten Schrift für den Maschinensatz) und hat sehr viel Zeit und Geld – kommt vor, ist aber leider die Ausnahme.

Linotype Modell 16, Zeilesetzmaschine, Maschinensatz
Linotype Mod. 16 bei den Lettertypen in Berlin | Foto: Aileen Kapitza

Der Handsatz scheidet bei großen Textumfängen aus einer Reihe von Gründen fast immer aus. Hauptsächlich schlagen hier die Kosten und der hohe Zeitbedarf für die aufwändige Handarbeit zu Buche, aber auch die Tatsache, dass nur Druckereien mit größeren Schriftbeständen solche Aufträge überhaupt ausführen könnten – sofern sie nicht all paar Seiten drucken, die Formen auflösen und die nächsten Seiten setzen und drucken wollen.

Auch der potentielle Nachdruck von Auflagen ist problematisch, bspw., wenn ein im Handsatz gesetztes Buch in der Short- oder Longlist eines Verlages besser verkauft wird als erwartet und eine Nachauflage gedruckt werden muss.

  1. Der Verlag lässt auf Verdacht große Mengen an Stehsatz in Blei archivieren, die Lettern stehen dann für neue Projekte erst einmal nicht zur Verfügung (welche Setzerei und Druckerei hat heute noch große Bestände an Lettern in den Setzkästen, dass sie das leisten könnte?)
  2. der Handsatz muss im Bedarfsfall erneut ausgeführt werden.

Wir haben die Argumemte in diesem Beitrag zusammengefasst und glauben, dass für den Buchdruck in 90 Prozent der Fälle nur das Klischee und, falls jemand unbedingt in Blei setzen möchte, der Maschinensatz in Frage kommt.

Schaut mal rein und lasst uns wissen, wie ihr darüber denkt.

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Scroll Up