Reitender Bote von 1662 als Briefpapier

Früher brachte er Briefe, heute ziert er sie. Giacomi Batti druckte 1662 in L’asino d’oro von Lucio Apuleio (Der Goldene Esel) einen reitenden Boten, der mit schmetterndem Horn neue Nachrichten ankündigt (die man damals auch „Zeitungen“ nannte).

342 Jahre versah der brave Mann seinen Dienst – bis das Buch 2004 beim Brand der Anna Amalia-Bibliothek in Weimar zerstört wurde. Unseres Wissens ist nur dieses Fragment des Titelblatts erhalten geblieben.

Jetzt ist unser Bote wieder on the road, als Botschafter für den Buchdruck – auf einem Briefpapier, das Daniel Klotz von den Lettertypen für uns druckte. Der Grafik stellten wir einen Begleittext zur Seite, der die Geschichte des Buches erzählt, das bis zu seinem gewaltsamen Ende über Jahrhunderte existierte!

Das soll ein digitales Dokument bzw. eine Datei erst einmal schaffen! Damit wollen wir daran erinnern, dass das Digitale zwar praktisch, billig, schön, bunt und schnell ist, aber wie lange werden digitale Inhalte verfügbar sein?

Die Digitalisierung in Einheit mit dem Internet ist nach Gutenbergs Erfindung des Buchdrucks die zweite große Revolution in der Verfügbarmachung von Informationen. Der Preis dafür ist die Flüchtigkeit der Inhalte*.

Wozu der Aufwand, wenn es E-Mail gibt?

Für gedruckte Briefbögen haben wir uns entschieden, weil wir als Buchdruck-Fans ganz bewusst nicht nur per E-Mail kommunizieren wollen. Den letzten Anstoß jedoch lieferte unser Reiter. Erst seine Geschichte machte die Idee komplett. Sie verkörpert einen zentralen Wert des Druckens, das die gespeicherten Informationen ohne technische Hilfsmittel für sehr lange Zeit verfügbar macht.

Das funktioniert sehr gut. Erstens legt so einen Brief niemand so schnell zur Seite. Die Aufmerksamkeitsspanne des Empfängers und auch die Erinnerung an die Inhalte ist nach unserer Erfahrung sehr viel höher, als dies mit einer E-Mail zu erwarten ist. Zum Zweiten vermittelt er nicht nur die Schönheit des Buchdrucks, sondern auch seine Potentiale für Nachhaltigkeit und Beständigkeit.

Gedruckt wurde auf einem Original Heidelberger Cylinder mit Kupferfarbe in zwei überlagernden Durchgängen. Je nach Beleuchtungswinkel changiert die Farbe von hell zu dunkel. Sehr cool, aber schwer zu fotografieren!

Als Papier wählte Daniel Metapaper rough warmwhite 120 Gramm. Dieses Papier ermöglicht im Laserdrucker ein sehr sauberes Schriftbild und es lässt sich gut mit Tinte beschreiben, wenn man Grußzeilen und Unterschrift mit Tinte und Feder schreiben möchte.

Dazu passend druckte Daniel DIN lang und DIN C5-Umschläge, was zusammen großartig aussieht und sicherstellt, dass der Brief schon im Posteingang ins Auge fällt.

Wie bereitet man einen Druck vom Holzschnitt für den Nachdruck auf?

Am Anfang unseres kleinen Projekts fragten wir uns, wie wir den Reiter wohl für den Buchdruck aufbereiten müssten? Für ein Magnesium- oder Messingklischee müsste man ihn vektorisieren, was aufgrund der im Original recht feinen Linien (es ist mit 3,5 : 5 cm noch etwas kleiner als unser Druck) sowie der im Feuer verlorenen Teile schwierig ist. Die Lösung heißt Bitmap mit höchster Auflösung und Fotopolymerklischee.

Genau genommen müsste man auch die Tonwertzunahme des Drucks vom Holzschnitt zurückrechnen, um sich dem Original anzunähern, vielleicht machen wir das später in einer Neuauflage noch.

Was ist „echt“, was Kitsch?

Auch über eine nachträgliche Komplettierung der fehlenden Teile dachten wir nach. Leider ist von exakt dieser Ausgabe wohl kein Exemplar mehr erhalten. Zumindest findet man im Internet zwar andere Drucke von Giacomo Batti dieser Zeit, jedoch keines mit diesem Motiv. Dabei merkt man schell, wie schmal der Grat zwischen „original“ und „authentisch“ zu „kitschig“ ist. Darf man fehlende Teile einfach ergänzen oder ist es besser, die Mängel der Vorlage auch in der Reproduktion zu übernehmen?

Zunächst baten wir eine Illustratorin, im Stil des Originals den Schweif und Teile der Beine des Pferdes, evtl. auch der Landschaft zu ergänzen. Die Ergebnisse waren leider nicht überzeugend, ganz einfach, weil man ja weiß, dass dieses „neue“ Bild nicht echt ist.

Ein kleines Detail am Rande: Das Buch nennt Pompeo Vizani als Schöpfer des Holzschnitts, von dem der Bote 1662 gedruckt wurde. Vizani lebte von 1540 bis 1607, es handelte sich also nicht um ein Auftragswerk zu diesem Buch, sondern eher um eine Mehrfachverwendung im Stile heutiger Stock-Fotos. Zumal man es damals auch mit dem Urheberrecht nicht so genau nahm, es wurde hemmungslos (raub)kopiert, was irgendwie Erfolg im Verkauf versprach.

Ihr wünscht Euch einen stilvollen Auftritt mit einem echten Hingucker? Die Lettertypen werden etwas Schönes für Euch zaubern!

* Jemand sagt einmal, zukünftige Generationen würden über das Mittelalter mehr Quellen vorfinden, als über uns. Technische Hürden veralteter Programme, Datentäger und Schnittstellen sind nur einige der Herausforderungen, die das Bewahren von digitalem Wissen heute zur Großtat werden lassen. Für welche Inhalte wird eine Gesellschaft über Jahrzente und Jahrhunderte den Aufwand übernehmen, sie zu konservieren, sie auffind- und abrufbar zu halten? Wer bestimmt, welche Inhalte einbezogen, welche dem Vergessen überliefert werden?

Je nach Lichteinfall wirkt die Kupferfarbe anders.
Hier das Fragment in einer größeren Ansicht. Es zu berühren, flößt wirklich Ehrfurcht ein. 1662!

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  2. Stephan

2 Kommentare

  1. Sehr schick und eine gute Idee, eine alte Grafik zu verwenden. Aber wo sind die Angaben zum Absender? Sas ist doch ein Briefbogen?

    1. Hallo Christian, der Briefbogen ist bewusst ohne weitere Inhalte angelegt. So können wir beim Ausdruck ganz oben links den Absender einfügen, wir können ihn aber auch als zweite Seite oder als Titelblatt einer Projektbeschreibung verwenden.
      Beste Grüße, Stephan

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