Patent-Papierfabrik Hohenofen

Auf dem Weg von Berlin nach Hohenofen werden Geschichtsinteressierte vielleicht an eine Million Russen denken. Hier in den endlosen Wäldern nahm die Rote Armee 1945 Anlauf zum finalen Sturm auf Berlin.

Ein unheimlicher Gedanke – zumal manches in der Region aussieht, als hätte sich seit diesen Tagen kaum etwas geändert. Das hat aber auch etwas Gutes, denn auf diese Weise ist die Patent Papierfabrik in Hohenofen als Industrie-Denkmal auf dem Stand des 19./20. Jahrhunderts erhalten geblieben.

Das Logo der Patent Papierfabrik Hohenofen

Die Geschichte der Fabrik seit ihrer Gründung 1838 sowie die Pläne für ihre Wiederbelebung als (nicht produzierendes) technisches Denkmal kann man auf der Webseite des Vereins leicht nachlesen.

Dietmar Miehlke, seit 2017 Geschäftsführer des Patent-Papierfabrik Hohenofen e.V. und vorher Kulturmanager in Berlin, lud mich ein, das Projekt kennenzulernen. So nutzte ich einen Urlaubstrip an die Ostsee im August für einen kleinen Abstecher nach Hohenofen. In zwei Stunden sollte man dort eigentlich alles Relevante gesehen und erfahren haben, dachte ich. Wie man sich doch irren kann.

Im Netz gibt es schon einige Bilder der Fabrik mit ihren Gebäude und Maschinen – die großartige Wirkung des Ganzen können sie aber nicht wirklich wiedergeben. Während das Ensemble von Außen auf den ersten Blick zunächst wenig hermacht, ist das Innere um so beeindruckender.

Hier atmet jeder Quadratmeter Industriegeschichte und der Besucher verliert – mal auf den Knien Details studierend, mal mit dem Kopf weit im Nacken staunend – schnell das Gefühl für Ort und Zeit. Die Abwesenheit von Schautafeln, Audio-Guides, Museums-Cafe und (mit etwas Glück) anderen Besuchern führt dazu, dass kaum ein Neuzeitgeräusch die besondere Atmosphäre stört.

Bisher wird das alles in einer etwas rohen, unaufbereiteten Form präsentiert, aber schließlich ist es ja auch noch kein Museum, sondern zunächst einmal „nur“ ein Denkmal. Die Idee hinter einem Denkmal ist, eine Sache für die Öffentlichkeit zu erhalten. Ein Museum hingegen hat als Teil seiner DNA nicht nur das Sammeln und Erhalten, sondern auch die Wissensvermittlung an die Öffentlichkeit. Für den Besucher ist die aktuelle Situation dennoch ein Gewinn, weil er sich ein Bild vom ursprünglichen Zustand machen kann.

Wobei die Definition dessen, was als ursprünglich gelten soll, gar nicht so leicht ist. Im Laufe der Zeit hat das Gebäude zahlreiche Umbauten erlebt. Gerade in der DDR war man ja nicht sonderlich feinfühlig in der Wahl von Material und Ausführungsqualität für anfallende Reparaturen. Das hat teils häßliche Spuren hinterlassen. Soll man diese konservieren oder noch einen Schritt weiter in der Zeit zurückgehen?

Im Inneren scheint weitgehend der Zustand aus Vorkriegszeiten erhalten zu sein. Hier wurde – wie in zahllosen DDR-Betrieben – mit uralten Maschinen und Methoden jenseits der Grenze von Verschleiß gearbeitet. Vieles wirkt archaisch und provisorisch instand gehalten. Auf der anderen Seite soll sich dadurch nach Einschätzung der Experten eine Konstellation von Maschinen erhalten haben, die es so nirgendwo sonst mehr gibt.

Was wir heute sehen, ist übrigens nur noch ein Teil der ehemaligen Papierproduktion. Zum Denkmal gehören formal das Hauptgebäude (mit Holländern und Papiermaschine), das „Lumpenhaus“ mit Lorenbühne, das Kontorgebäude und der Klärturm. Das Lumpenhaus, in dem einst die Lumpen für die Papierherstellung sortiert, gereinigt und mit Loren über eine schmale Lorenbrücke an die Papierholländer gebracht wurden, zählt jedoch nicht zur Ausstellung. Hier haben längst neue Gewerbe einen Platz gefunden.

Den Rundgang in der Fabrik beginnt man im Erdgeschoß. Analog-Fotografen sollten reichlich Filme mitnehmen, sie werden sie brauchen! Hier waren früher die Qualitätskontrolle und der Versand untergebracht. Dabei wurden die fertigen Papierbogen von Frauen einzeln von Hand geprüft und verpackt. Heute werden hier Konzerte und andere Events organisiert.

Qualitätskontrolle und Verpackung © Aus dem Archiv von Bodo Knaak

Gleich im Anschluß daran steht die 42 Meter lange Papiermaschine, die gemeinhin als das Highlight der Fabrik gilt. In der Tat ist sie in ihren Ausmaßen und der antik anmutenden Technik faszinierend. Interessantes Detail: Der Kern der Maschine vom Ende des 19. Jahrhunderts stammt aus England. Dort verwendet man aber nicht das metrische System, sondern Zoll. Weil in der DDR für den Import von Schrauben mit Zollgewinde keine Devisen vorhanden waren, musste in Hohenofen jede Ersatzschraube für die Maschine selbst gedreht werden! Effizienz sieht anders aus.

Im Obergeschoß findet man die ehemalige Papieraufbereitung von der Faser zum Brei. Die Fülle der Maschinen, ihre Funktionen und ihr Zusammenspiel kann man als Laie kaum erfassen – keinen Guide zu haben, hat manchmal eben doch Nachteile. Aber auch ohne Fachkenntnis der Produktionsabläufe sind die Räume sehenswert.

In einem nichtöffentlichen Bereich harrt allerlei industrieller Krempel seiner späteren Zuordnung und Verwendung. Auch das Firmenarchiv ist wohl weitgehend erhalten, für Besucher aber nicht zugänglich. In den nächsten Jahren soll es wissenschaftlich aufbereitet und publiziert werden.

Hellhörig wurde ich, als Dietmar Miehlke erzählte, man habe vor einiger Zeit Teile einer aufgelösten Buchdruckerei übernommen, darunter auch Bleischriften.

Meine reflexhaft (Pawlow!) eingeläutete Suche nach diesem Schatz blieb leider erfolglos. Die mit einer vagen Armbewegung umrissene Anzahl von Schränken war während meines Besuch gerade nicht zugänglich. Schade, ich hätte Euch gerne ein paar schöne Lettern gezeigt. Es würde bestimmt gut zueinander passen, hier später einmal zu zeigen, wie mit Blei und Papier gedruckt wird – auch wenn die Fabrik „nur“ technisches Transparentpapier herstellte, das nicht für den Buchdruck geeignet ist.

Eine kleine Druckmaschine gibt es immerhin schon, eine Abziehpresse Korrex (vermutlich Modell Hannover), die aber nicht einsatzbereit ist. An alle Buchdruckexperten: Wenn Ihr Euer Know-How in dieses schöne Projekt einfließen lassen möchtet, meldet Euch in Hohenofen! Eure Expertise ist hier bald gefragt.

Auf dem Dachboden schließlich findet der Besucher Zeugnisse dafür, dass Unternehmen in der DDR für die Belegschaft oft mehr waren als nur ein Arbeitsplatz. Hier lagern Reihen von Kinostühlen, Kegel und Sportgeräte. Im Betrieb gab es außerdem eine Krankenschwester für die medizinische Betreuung, einen Laden, einen Friseur und eine immer offene Kantine mit frischem Kaffee zum Schichtbeginn.

Mein Eindruck? Der Patent-Papierfabrik Hohenofen e.V. hat hier in den letzten Jahren viel geleistet. Die Pläne für die weitere Entwicklung sind sehr konkret und vermitteln das Gefühl, dass hier mit Sachverstand und Bedacht gearbeitet wird.

Neben der Sicherung von Gebäuden und Maschinen ist die Anerkennung des Projekts als technisches Denkmal ein zentraler Meilenstein (Nr. 09170957 der Denkmalrolle Brandenburg). Sie ebnete dem Verein den Weg zu öffentlichen Fördermitteln – wenngleich diese in großen Teilen erst fließen, wenn der Verein Eigenmittel in angemessener Höhe vorweisen kann.

Wie bei vielen kulturellen Projekten hat dieser jedoch mehr Arbeit als Geld. Schaut Euch daher das Konzept, die Bilder und gern auch die Location an – und leistet einen kleinen finanziellen Beitrag für den Erhalt und die weitere Entwicklung dieses großartigen Industriedenkmals! Das Spendenkonto des Vereins ist IBAN DE57 1605 0202 1550 0056 90.

Wer die Patent Papierfabrik Hohenofen besichtigen möchte, sollte vorher einen Termin vereinbaren. Neben kleinen kulturellen Events zählt Dietmar Miehlke Hobbyfotografen zur derzeit zahlenmäßig stärksten Besuchergruppe. Sie können sich hier für einen Tag austoben – und werden dann immer noch nicht alles erfaßt haben!

Ich kann Euch hier nur einen ganz kleinen Ausschnitt meiner Eindrücke aus der Fabrik vermitteln. Fest steht für mich: Man muss kein Fachmann und Liebhaber klassischer Papierproduktion sein, um an einem Besuch in Hohenofen Freude zu haben.

Patent-Papierfabrik Hohenofen e.V.
Neustädter Str. 25
16845 Sieversdorf-Hohenofen
Telefon +49 33970 93 98 84
mail@papierfabrik-hohenofen.de

„Wir haben gut gefeiert“

Schaut bitte auch ganz unten im Beitrag den kleinen Film „Wir haben gut gefeiert. Ehemalige Beschäftigte der Papierfabrik Hohenofen“ an. Der Fotograf Jonas Walter portraitierte 39 Menschen, die in der Papierfabrik Hohenofen gearbeitet haben, an ihren ehemaligen Arbeitsplätzen. Das Buch kann man im Handel für 10 EUR kaufen (ISBN 9783942422819). Er lässt die Protagonisten auch zu Wort kommen, mit teils schönen, teils auch traurigen Erinnerungen und Erwartungen an die Zukunft der Region.

Teil der Papiermaschine | © Stephan Mallik
Patent Papierfabrik Hohenofen; Fuij X-Pro2; 23/2
Papierfabrik, Buchdruck, Letterpress, Fuji X-Pro2
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Korrex-Abziehpresse (Modell Hannover?), leider nicht einsatzbereit | © Stephan Mallik
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Patent Papierfabrik Hohenofen. Eingang in das Hauptgebäude von der Hofseite | © Stephan Mallik
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Im Lumpenhaus arbeitet heute (unter anderen) eine Imkerei.
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Das ehemalige Verwaltungsgebäude ist heute Sitz des Vereins.

Wir haben gut gefeiert …

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