Original Heidelberger Tiegeldruckautomat, die „Windmühle“

Das berühmte Schild des Heidelberger Tiegels kennt vermutlich jeder Drucker. Es diente der Markenpflege (man sah sofort, welche Maschine in einer Offizin arbeitete), noch mehr aber dem Schutz des Druckers vor Beulen am Kopf und Schlimmerem – denn hinter dem Schild rotiert das Greiferpaar. Dieser OHT stand 10 Jahre vergessen und vergammelt in einer ehemaligen Druckerei | Foto: Stephan Mallik

Keine andere Druckmaschine hat den industriellen Buchdruck des 20 Jahrhunderts so geprägt wie der OHT Original Heidelberger Tiegel bzw. korrekt: der Tiegeldruckautomat. Ein besonderes Merkmal dieser Maschine ist das charakteristische Schnaufen der pneumatischen Sauger, mit denen der Bogen im Anleger angehoben wird. Den Spitznamen „Windmühle“ (Windmill) verdankt er seinem Paar propellerförmiger Windmühlengreifer. Sie nehmen den Bogen vom Sauger ab und legen ihn aus – sind jedoch keine Erfindung der Heidelberger!

Im Video ist gut zu erkennen, wie die Sauger den Bogen anheben und an den Greifer übergeben.

Mit seinem automatischen An- und Ausleger erreichte er bereits 1921 eine Auflage von 3.000 Bogen pro Stunde und avancierte zur Industrie-Ikone, zum Mercedes der Tiegelautomaten. Dass er noch heute in zahlreichen Ausführungen rund um die Welt im Einsatz ist, erklärt sich nicht nur durch seine Präzision und Unverwüstlichkeit, sondern auch durch seine Vielseitigkeit: Mit einem Tiegel kann man Drucken, Stanzen, Rillen, Nuten und Nummerieren, viele Maschinen wurden auch für die Heißfolienprägung aufgerüstet.

Der Original Heidelberger Tiegel kombinierte bei seinem Erscheinen eine ganze Reihe von Verbesserungen. So war der Antrieb ab Werk elektrisch, das An- und Auslegen der Druckbogen wurde automatisiert und das integrierte Farbwerk verfügte über einen Farbkasten für eine ausreichende Farbversorgung (statt dem Farbteller früherer Tiegel).

Die entscheidende Neuerung, der automatische An- und Ausleger, war dabei gar keine Eigenentwicklung von Heidelberg. Vielmehr gelang diese Erfindung 1913 dem Kölner Buchdrucker Gilke, der das Patent für den Propellergreifer sofort an Heidelberg verkaufte. Erst damit wurden die hohe Druckgeschwindigkeit und Effektivität möglich, die den OHT zum weltweiten Verkaufserfolg machten.

Gebaut wurde der Heidelberger Tiegel in den Formaten 26 x 38 cm sowie 34 x 46 cm (Bezeichnung GT für Großer Tiegel, weitere Ausstattungen GTS, GTK, GTP … siehe Tabelle). Noch größere Formate können im Tiegelprinzip aus physikalischen Gründen nicht sinnvoll bedruckt werden, dafür gibt es Zylinderdruckmaschinen, zum Beispiel den – nicht minder berühmten – Original Heidelberger Cylinder.

Die Maschinen wurden im Laufe der Jahrzehnte ständig weiterentwickelt und verbessert, insbesondere die Registerhaltigkeit war bei frühen Modellen ein Problem.

Heute einen Original Heidelberger Tiegel kaufen? Warum sollte ich und was kostet das?

Wer heute überlegt, einen OHT zu kaufen um damit zu arbeiten, sollte daher auf ein möglichst spätes Herstellungsjahr achten – 1985 war Schluß (andere Quellen nennen auch 1983 oder 1984 als Produktionsende, wir werden das mal bei Heidelberger hinterfragen), der Offsetdruck hatte dem Tiegeldruckautomaten beinahe den Garaus gemacht.

Doch auch ohne das Revival des Buchdrucks als Letterpress hätten diese Maschinen heute eine Existenzberechtigung, wegen ihrer Vielseitigkeit. Heidelberger Tiegel trifft man überall auf der Welt an, selbst schrottreife Maschinen werden aufbewahrt – während die konstruktive Kopie des OHT, der tschechische ADAST, bei Druckereiauflösungen oft sogar verschrottet wird, wenn er tadellos funktioniert. Man weiß ja nie, ob Heidelberger Tiegel nicht eines Tages doch mal knapp werden könnten!

Heute zumindest gibt es gebrauchte Heidelberger Tiegel in Hülle und Fülle, die Preise scheinen gerade auch wieder etwas zu fallen. Sie beginnen in Deutschland bei ca. 500 und gehen bis 2.500 Euro für den kleinen und ca. 6.000 Euro für gut erhaltene Exemplare des großen GT (34 x 46 cm).

Wer als (kleinere) Druckerei eine große Fertigungstiefe erreichen und damit möglichst viel Umsatz im Unternehmen halten will, kommt hier günstig zum Stanzen und Rillen, ohne in große spezialisierte Maschinen investieren oder diese Arbeitschritte fremdvergeben zu müssen. Für das Stanzen, Nuten und Perforieren ist keine zusätzliche Ausrüstung erforderlich, es muss lediglich ein Stanzblech angefertigt werden bzw. eine Rilllinie verfügbar sein. Für das Nummerieren (bspw. von Eintrittskarten) gibt es spezielle Nummerierwerke für ein paar Euro.

Wer hingegen nur seine Empfangshalle dekorieren will, wird vermutlich zu den nostalgischer anmutenden frühen Versionen greifen.

Das Ganze ist ein wenig vergleichbar mit dem Kauf eines VW Käfer – älter ist schöner und exotischer, aber man will im Alltag dann lieber doch nicht darauf angewiesen sein, dass er anspringt.

OHT Original Heidelberger Tiegel 26 x 38 cm
Der Original Heidelberger Tiegel OHT 26 x 38 cm der damaligen Schnellpressenfabrik AG Heidelberg. Für das Werbefoto wurden sowohl der An- als auch der Ausleger mit Papierstapeln vollgepackt, was in der Realität natürlich nicht funktionieren würde | Foto: Heidelberger Druckmaschinen AG

Wie alles begann

Als Produktionsstart wird oft das Jahr 1926 angegeben, tatsächlich ging der OHT aber schon 1921 in Serie. 1926 war das Jahr, in dem die damalige Schnellpressenfabrik AG Heidelberg mit dem OHT als erster deutscher Hersteller überhaupt die Fließbandproduktion einführte. Der Prototyp wurde bereits im Mai 1914 präsentiert. Fünf Monate später brach der Erste Weltkrieg aus und man hatte zunächst einmal andere Sorgen.

Auch bei seiner Vermarktung ging man ganz neue Wege. Vorstandsmitglied
Hubert Sternberg muss eine Art früher Steve Jobs des Vertriebs und Marketings gewesen sein. So konnten Druckerein den Tiegel in Raten bezahlen und es gab Showcars, mit denen der Tiegel vor Ort in Druckereien präsentiert wurde – während die mitreisenden Heidelberg-Techniker gratis die anderen Heidelberg-Maschinen der jeweiligen Druckerei warteten.

Der große Heidelberger Tiegel GT 34 x 46 cm. Wo, liebe Werbeleute, sollte die Maschine eigentlich die bedruckten Bogen ablegen, wenn der Ausleger – wie bei vielen damaligen Produktbildern – schon beim Druckbeginn rappelvoll war? | Foto: Heidelberger Druckmaschinen AG
Der große Heidelberger Tiegel GT 34 x 46 cm. Wo, liebe Werbeleute, sollte die Maschine eigentlich die bedruckten Bogen ablegen, wenn der Ausleger – wie bei vielen damaligen Produktbildern – schon beim Druckbeginn rappelvoll war? | Foto: Heidelberger Druckmaschinen AG

OHT, GTS, GTK … OMG, was heißt das alles?

Die Heidelberger Tiegel gab es in verschiedenen Ausführungen, die jeweils mit eigenen Kürzeln beschrieben wurden.

KürzelBedeutung
OHTT – Original Heidelberger Tiegel; kleine Version 26 x 38 cm (10 x 15 Zoll)
TPTP – "Original Heidelberger 26 x 38 cm mit Sondereinrichtung für Heißprägedruck mit Rollenfolien"; nachrüstbar mit Original-Sondereinrichtung T 560 an T-Modellen ab Serien-Nummer 160.001
GTGT – "Großer Tiegel"; 34 x 46 cm (13 x 18 Zoll)
GTSGTS – "Original Heidelberger Tiegel-Stanzautomat" nur zum Stanzen und Blindprägen; 34 x 46 cm, ohne Farbwerk und Walzen, verstärkte Teile für einen höheren Anpressdruck
GTKGTK – "Original Heidelberger Kombinationstiegel" zum Drucken und Stanzen; 34 x 46 cm, mit Farbwerk und Walzen, verstärkte Teile für höheren Anspressdruck (verstärkter Drucktiegel). Laut Hersteller gedacht für den Einsatz mit jeweils ca. 50% Drucken und Stanzen
GTPGTP – "Heidelberger Spezial-Stanz- und Prägeautomat für Gold- und Farbrollen un Heißprägen"; Spezial-Tiegel für Folien-Heißprägen, Stanzen und Blindprägen; 34 x 46 cm, ohne Farbwerk und Walzen, dafür mit Folienvorschubapparat und thermostatisch regelbarer Heizplatte, mit verstärkten Teilen für einen höheren Anpressdruck, beim registerhaltigen Prägen mit Schiebemarke bis 10 cm Folienbreite, ohne Schiebemarke bis 11,5 cm, darüber mit Sondereinrichtung GTP 405 für Folie bis 30 cm Breite; Markteinführung 1959

Technische Daten Original Heidelberger Tiegeldruckautomat OHT/GT

 26 x 38 cm34 x 46 cm
Größtes Papierformat26 x 38 cm34 x 46 cm
Kleinstes Papierformat für Einfach und Doppelanlageje 4 x 7 cmje 8,5 x 10,2 cm
Größte Papierbreiteje 12,8 cmje 16,8 cm
Innere Rahmenweite Normalschließrahmen26 x 34 cm32 x 45 cm
Innere Rahmenweite Sparschließrahmen26 x 35 cm--
Maximal-Druckleistung pro Stunde5.500 (bis 1967: 5.000)4.000
Doppelanlage max.11.0008.000
Kraftbedarf1,25 KW = 1,7 PS1,5 KW = 2 PS
Nettogewicht ca. 1.100 kgca. 2.250 kg
Druckkraft:40 t60 t
Länge einschl. Motorantrieb1,6 m2,0 m
Raumbedarf: Breite x Länger1,24 x 1,68 m1,48 x 2,08 m
Höhe1,85 m1,85 m
Anzahl der Auftragswalzen23
Angaben gelten für Modelle ab 1967, vorgestellt auf der DRUPA 1967 (Dokumentation Stand Mai 1969)

Produktion des Heidelberger Tiegel 1957 | Foto: Heidelberger Druckmaschinen AG

Die Fotos unten zeigen zwei Heidelberger Tiegel, die in der ehemaligen Geschäftsbuch-Druckerei Bauer in Hof standen. Diese wurde 1900 gegründet und 2007 von ihrem Besitzer mehr oder weniger mitten im Betrieb aufgegeben, nicht jedoch aufgelöst. Als die Fotos 2017 entstanden, war in den Farbkästen zum Teil noch Farbe (inzwischen natürlich teerförmig), Stehsatz lag bereit … als wäre die Belegschaft nur mal eben zur Pause gegangen und würde gleich wieder hereinkommen und weiterarbeiten.

Das Gebäude wurde 2018 für den Bau eines Shoppingcenters abgerissen, die Ausstattung in alle Himmelsrichtungen verkauft. Für den Buchdruck-Fan eine grausige Vorstellung, bildete die Druckerei mit Buchbinderei doch eine – wie in einer Zeitkapsel bewahrte – komplette Einheit … für den Betriebswirt hingegen sind Maschinen, deren Restauration absehbar das Mehrfache ihres Wertes kosten, „Schätze ohne Wert“. Man kann beide Sichtweisen nachvollziehen … aber ein Jammer war es schon.

Detail eines Original Heidelberger Tiegels in der (verlassenen) Druckerei Bauer in Hof | Foto: Stephan Mallik
In einem der Tiegel war sogar noch die Druckform …

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  2. Stephan
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6 Kommentare

  1. Ich habe vor 42 Jahren meine Ausbildung am OHT gemacht! Eine großartige Maschine. Da werden Erinnerungen wach. Ich habe noch das Handbuch von damals und biete gerne an, es hier zu zeigen.
    Freundliche Grüße
    Harald

    1. Hallo Harald,
      vielen Dank, das finden wir auch. Fernab von der Funktionalität ist er einfach schön! Auf das Angebot kommen wir gern zurück.
      Viele Grüße,
      Stephan

  2. Hallo, woher stammen denn die technischen Daten? In meinem Handbuch werden 5000 Druckbogen pro Stunde genannt, nicht 5500? Gruß, Frank

    1. Hallo Frank,
      Danke für Deine Rückmeldung. Das wird wohl am Baujahr liegen. Die 5.500 Bogen gelten für OHT ab Baujahr 1976 (vorgestellt und eingeführt auf der DRUPA 1976), vermutlich ist Dein Handbuch von einem früher gebauten Tiegel? Wir haben die Angaben in der Tabelle ergänzt.
      Viele Grüße
      Stephan

  3. Hallo Zusammen,

    haben alle Tiegel-Ausführungen die gleiche Druckkraft (40 t / 60 t)
    oder variiert das?

    VG

    Nadia

    1. Hallo Nadia,
      die kleinen Tiegel 26 x 38 cm arbeiten mit 40 t, die großen Tiegel 34 x 46 cm mit einem T an zweiter Stelle der Bezeichnung mit 60 t Anpressdruck (GT für Großer Tiegel in den Ausstattungen GTS, GTK, GTP …). Diese Angaben gelten für Modelle ab 1967 (vorgestellt auf der DRUPA 1967). Wie das bei noch früheren Modellen war, ist mit leider auch nicht bekannt.
      Viele Grüße,
      Stephan

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