Zeitungsdruck 2019 – auf einer Druckmaschine von 1924

Druck der Krautreporter-Zeitung auf Zeitungsdruckpapier im Riesenformat auf der Johannisberger Schnellpresse (Baujahr 1924) bei den Lettertypen in Berlin.

Die Krautreporter publizieren als freies Redaktionskollektiv eigentlich ausschließlich digital. Technisch und gestalterisch sind ihre Inhalte hervorragend umgesetzt, aber eben doch „nur“ digital. Wenigstens einmal wollten auch die Krautreporter ihren Texten die Vorzüge des gedruckten Wortes* mit auf den Weg geben, sie schwarz (und rot) auf weiß in den Händen halten und mit ihren Lesern teilen.

Wie die Krautreporter-Zeitung entstand, welche Hürden sie zu nehmen hatte und wie positiv sie von den Lesern aufgenommen wurde, lest ihr hier: krautreporter.de/2452-die-idee-ist-wir-drucken-krautreporter und hier: krautreporter.de/2781-wir-haben-gedruckt.

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Lettertyp Daniel Klotz mit der Zeitung auf der Johannisberger Schnellpresse | Foto: Martin Gommel
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Erik Spiekermann mit der Krautreporter-Zeitung. Er war der Initiator des Projekts und verantwortete das Layout. Gedruckt wurde bei den Lettertypen auf Zeitungsdruckpapier | Foto: Martin Gommel

*Noch ein paar Worte zu digitalen und gedruckten Nachrichtenprodukten: Ein digitales Nachrichtenprodukt hat einige Vorteile: Es ist schnell, multimedial, kennt keine Limitierung der Themen- und Textmenge, es kann individualisiert werden und die technischen Kosten für Produktion und Distribution sind gering.

Aber: Hand aufs Herz! Wie intensiv nutzt ihr einen digitalen Newsletter, wie lange hebt ihr ihn auf? Also in dem Sinne, ihn auch wirklich vollständig zu überblicken, darin zu blättern, ihn für einige Zeit im Blick und Zugriff zu haben, nicht nur als eine von tausenden E-Mails oder Lesezeichen im digitalen Irgendwo?

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Die Krautreporter-Zeitung im Riesenformat | Foto: Martin Gommel

Das gedruckte Wort hingegen verleiht Inhalten gefühlt mehr Gewicht und Bestand. Es sieht schön aus, riecht dezent nach Farbe und Papier, raschelt, kommt unseren haptischen Bedürfnissen entgegen und funktioniert (mit etwas Licht) immer und überall, sogar ohne Akku und WLAN.

Besonders wirkungsvoll ist das Zusammenspiel aller Elemente:

  • Sehen (visuell, hier geht es nicht nur darum, DASS man die Inhalte sieht, sondern auch WIE: kein Flimmern, kein winzig kleiner Bildausschnitt, bei dem der Großteil der Inhalte immer außerhalb des Sichtbaren bleibt, Papier als riesiges Display, …)
  • Tasten (haptisch, hier also das Anfassen des Papiers)
  • Hören (akustisch, hier das Rascheln und Knistern des Papiers beim Blättern und Umschlagen)
  • Riechen (olfaktorisch, Geruch der Farbe und des Papiers)

Nicht umsonst gilt unter Marketingexperten die Weisheit „Gut gedruckt wird angeguckt“. Wer für seine Mitteilungen eine höhere Aufmerksamkeit, eine längere Kontaktdauer, unterschwellige Emotionalisierung und Bindung sowie Erinnerung erreichen möchte, der transportiert seine Nachrichten in (gut) gedruckter Form.

Leser assoziieren mit der gedruckten Zeitung zum Beispiel auch:

  • gemeinsames Lesen innerhalb der Familie
  • Austausch über das Gelesene mit Freunden auf gleichem Wissensstand, denn anders, als bei einem verlinkendem und verzweigendem digigitalem Produkt ist die Chance groß, dass bei einer gedruckten Zeitung alle dasselbe gesehen und gelesen haben. Daraus resultiert widerum das positive Gefühl, mitreden zu können
  • „Gemütlichkeit“ beim Zeitunglesen
  • der positive Effekt des „Überraschtwerdens“ durch interessante Beiträge außerhalb des eigenen Nutzerprofiles beim Querlesen über mehrere Seiten (wenn bspw. ein spannendes Foto eines Autorennens auch Leute anspricht und zum Lesen animiert, die sich sonst nicht für Autosport interessieren)
  • Papier anschließend benutzen zum Einwickeln, Schuhe ausstopfen usw. (Kein Spaß! Das war in Marktforschungen zur Entwicklung digitaler Zeitungsformate vs. gedruckter Versionen ein häufig genanntes Argument, ebenso wie bspw. der Arbeitsmarkteffekt, wenn ein digitales Produkt Zeitungszusteller arbeitslos macht)

Das alles würde ja eigentlich dafür sprechen, ein Produkt wie die Krautreporter-Zeitung immer in gedruckter Ausbringungsform anzubieten.

Leider sind die Herstellung (Satz, Druck, Weiterverarbeitung), noch viel mehr aber die Verteilung/Distribution einer gedruckten Zeitung an die Leser so irrsinnig teuer (fast 50% der Kosten einer Abonnementzeitung gehen für Herstellung und Vertrieb drauf), dass sich das wirtschaftlich nicht darstellen lässt.

Immerhin fließen dafür bei einem digitalen Produkt fast alle Mittel in die Erstellung der Inhalte. Gut so!

Die Johannisberger Schnellpresse bei den Lettertypen während des Drucks der Krautreporter-Zeitung | Foto: Martin Gommel

Mehr über die Nutzungsmotive von Zeitungslesern sowie die Vor- und Nachteile gedruckter vs. digitaler Nachrichtenprodukte lest ihr hier: „Ist die Zeitung noch zu retten? Das Vielfaltsversprechen der Zeitung auf elektronischem Papier für Zeitungsmarkt und Zeitungsleser„.

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