Von Gottes Gnaden – Das Gottesgnadentum im Gautschbrief der Drucker und Setzer

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Gautschbrief des Richard Kirsch, München, 18.6.1927 | Quelle: Buchdruckwerkstatt München

Alte Gautschbriefe berufen sich oft auf „Gottes Gnaden“. Das hat mich lange verwundert, denn eigentlich dient das Gottesgnadentum doch der Begründung monarchischer Herrschaftsansprüche – erstmals 751 durch Pippin den Jüngeren. Umso erstaunlicher, dass Kaiser, Könige und sonstige Herrscher es hinnahmen, dass auch Handwerker sich für die Ausübung ihres Berufs auf göttliche Gnaden beriefen. Die Erklärung dürfte im christlichen Glauben darüber liegen, wie Menschen zu ihren speziellen Begabungen kommen.

Denn im Christentum bezieht sich der Ausdruck darauf, dass besondere Begabungen durch den Heiligen Geist verliehen werden – eben von Gottes Gnaden. Im Falle der Gegautschten also wird die von Gott gegebene Begabung durch die handwerkliche Ausbildung zur Befähigung, die mit dem Gautschbrief bescheinigt wird.

Die hier gezeigte Urkunde des Richard Kirsch vom 18.6.1927 verzichtet übrigens auf den Bezug zum Heiligen Geist. Hier – wir auch in vielen Gautschbriefen neueren Datums – tritt Gutenberg an dessen Stelle: „von Gutenbergs Gnaden“.

Kirschs Gautschbief zeichnet sich durch einen recht ungewöhnlichen Stil aus. Er ist von Hand gemalt bzw. geschrieben und verzichtet auf die sonst üblichen pompösen Wappen-Darstellungen. Die Gestaltung erinnert ein wenig an das Bauhaus … Zu bewundern ist er in der Buchdruck-Werkstatt München, mit deren freundlicher Genehmigung wir sie hier zeigen dürfen.

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Gautschbrief des Richard Kirsch, München, 18.6.1927 | Quelle: Buchdruckwerkstatt München
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Gautschbrief des Richard Kirsch, München, 18.6.1927 | Quelle: Buchdruckwerkstatt München
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Ein „klassischer“ Gautschbrief „Von Gottes Gnaden. Wir Jünger Gutenbergs“ in der Buchdruck-Werkstatt München | © Robert Sakowski
Ausschnitt einer Urkunde vom 21.8.1747, in der Friedrich II. aka Friedrich der Große aka „Der alte Fritz“ befahl, dass Wittwer frühestens drei Monate „nach dem Absterben“ ihrer Frauen wieder heiraten durften. Die Urkunde beginnt mit der Aufzählung seiner Titel: „Von Gottes Gnaden, Friderich, König in Preußen, Marggraff zu Brandenburg […]“ usw. usf.

Engisch version:

Old couch letters often refer to „God’s grace“. This has astonished me for a long time, because God’s grace actually serves as a justification for monarchical claims to dominion – for the first time in 751 by Pippin the Younger. All the more astonishing that emperors, kings and other rulers accepted that craftsmen too invoked divine graces for the exercise of their profession. The explanation lies in the Christian faith about how people come to their special talents.

For in Christianity the expression refers to the fact that special talents are bestowed by the Holy Spirit – precisely by the grace of God. In the case of the couched, then, the talent given by God becomes a qualification through the technical training that is attested with the couch letter.

The document of Richard Kirsch of 18.6.1927 shown here by the way renounces the reference to the Holy Spirit. Here – we also many recent Gautschbriefen – Gutenberg takes its place: „by Gutenberg’s grace“.

Kirsch’s Gautschbief is characterized by a rather unusual style. It is painted or written by hand and does without the otherwise usual pompous depictions of coats of arms. The design reminds a little of the Bauhaus … He can be admired in the Buchdruck-Werkstatt Munich, with whose kind permission we are allowed to show them here.

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  2. Stephan

2 Kommentare

  1. Hallo Anja und Stephan, ich laufe seit Jahren jeden Werktag an alten Gautschbriefen an der Wand vorbei und habe darauf noch nie geachtet. Sehr interessant!Und was ist mit dem Druckergruß? Könntet ihr dazu auch was schreiben?
    Liebe Grüße, Doreen

    1. Hallo Doreen,
      wir freuen uns sehr über Dein Feedback. Der Druckergruß ist in der Tat ein spannendes Thema, ein kategorischer Imperativ. Wir schauen uns das bei Gelegenheit genauer an und werden sicherlich bald etwas dazu schreiben.

      Viele Grüße

      Stephan

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