Kategorien
Maschinen Offizinen Schriften, Lettern, Klischees

Eine Druckerei im Winterschlaf

Es war wie im Märchen. 20 Jahre lag die ehemalige Buchdruckerei von Hans Bauer in Hof unberührt und verlassen. Als das Gebäude 2017 einem Neubau weichen musste, erlebten die ersten Besucher eine Zeitreise in 100 Jahre Buchdruckkunst.

Selbst nach zwei Jahren [english version] lässt mich dieses faszinierende Bild nicht los: Anfang 2017 besuchte ich die Geschäftsbuch-Druckerei Hans Bauer in Hof – eine über 100 Jahre alte, komplett eingerichtete Buchdruckerei und Buchbinderei, die damals jedoch schon seit 20 Jahren verlassen war.

So etwas hatte ich noch nicht gesehen: Es wirkte, als läge die Druckerei im Winterschlaf und die Mitarbeiter wären nur mal eben vor die Tür gegangen. Schriften, Stehsatz und Papier lagen bereit, Druckformen waren in den Maschinen eingespannt, in den Farbkästen war noch Farbe, inzwischen freilich in der Konsistenz von Teer.

So ungefähr stellt man sich das Märchen von Dornröschen vor, wenn jedwede Tätigkeit von einem Augenblick auf den anderen unterbrochen wird.

Eingeladen hatten mich die Beauftragten der Erben. Das Gebäude musste einem Shoppingcenter-Neubau weichen und (möglichst) alle Maschinen, sonstige Ausstattung und Material sollten verkauft werden.

Die Firma Hans Bauer hatte sich in den zwei Etagen eines Gebäudes in einem Hinterhof eingerichtet. Im Erdgeschoß lagen das kleine Verkaufsbüro, ein Lager und die Druckerei. Darüber befand sich die Buchbinderei für die Weiterverarbeitung. Einen Aufzug gab es nicht, die Druckbögen wurden zur Weiterverarbeitung also die Treppe hinauf, die fertigen Produkte wieder hinunter getragen.

Übrigens gab es auch kein Tor, wie mir nach einer Weile auffiel. Wie hatte man damals die großen Maschinen ins Haus gebracht? Und wie sollten sie wieder hinaus?

Der Maschinenbestand las sich wie das who-is-who des deutschen Druck- und Buchbindemaschinenbaus des letzten Jahrhunderts: Original Heidelberger Tiegel, Schelter & Giesecke, Planeta NA3, Förste & Tromm, Gestetner, Schimanek, Kroll, Brehmer, Mansfeld … dazu viele Schriften und Dekorelemente in Blei, Holz und Messing.

Gesetzt wurde von Hand, wobei der Schwerpunkt der Produktion – neben Akzidenzien – auf Geschäfts- und Kontorbüchern lag. Für deren Herstellung wurden zwei Reinhardt-Liniermaschinen eingesetzt, die wir in einem späteren Beitrag noch einmal ausführlich vorstellen wollen.

Die alten Produkte wollte niemand mehr, die Letterpress-Retrowelle war noch nicht in Sicht.

Mit dem Maschinenpark und der besonderen Produktpalette erklärt sich wohl auch der Niedergang der Druckerei. Wer verwendet heute noch Kontor-Bücher? Den Sprung zum Offset hatte man nicht geschafft, die Letterpress-Retrowelle war noch nicht in Sicht.

Trotz klangvoller Namen bot der Maschinenpark ein Bild des Jammers. Nach vielen Jahren in ungeheizten feuchten Räumen hatten sich Rost und Schimmel gebildet, auf einigen Druckwalzen wuchs Moos. Sowohl der daraus zu erwartende hohe Aufwand für die Restaurierung, als auch die Schwierigkeiten, die Maschinen überhaupt aus dem unzugänglichen Gebäude herauszuholen, schreckten viele potentielle Käufer zunächst ab, leider auch mich – was mich bis heute zuweilen wurmt.

Dennoch wollte ich gerne dabei helfen, für die Maschinen und die sonstige Ausstattung neue Eigentümer zu finden.

Also sprach ich mit Daniel Klotz von den Lettertypen, die ich damals schon in der Kommunikation unterstützte. In der Letterpress-Branche sind die Lettertypen bestens bekannt und vernetzt. Unser Facebook-Beitrag über den Verkauf der Druckerei erreichte im April 2017 über 50.000 Leser. Ich selbst hätte nicht gedaht, dass sich so viele Menschen heute wieder für das Thema Buchdruck interessieren.

Was jedoch noch wichtiger war: Der Bericht generierte zahlreiche Anfragen von Interessenten aus aller Welt. Letztendlich gelang es, die Ausstattung nahezu vollständig an Druckereien und Museen zu verkaufen. Auch eine der Reinhardt-Liniermaschinen wurde gerettet, sie druckt heute im Maschinenzoo/Lineagloria in der Schweiz.

Ein Rest Wehmut über das Verlorene bleibt dennoch. Denn die Seele eines solchen über Jahrzehnte gelebten Handwerksbetriebes wird ja nicht nur durch die Summe der Maschinen geprägt, sondern auch durch das Zusammenspiel von Technik und Raum – sowie durch die Spuren, die Menschen hier in über 100 Jahren Druckerei- und Buchbindergeschichte hinterlassen haben.

Hätte man vielleicht aus der Druckerei ein Museum machen können? Viele Leser sahen darin eine interessante Perspektive, wie später auch bei der Auflösung der Setzerei der Buchdruckerei Oberreuter. Eine schöne Vorstellung, mir persönlich fehlt jedoch – bei aller Begeisterung für das Buchdruckhandwerk – der Glaube, dass sich ein so kleines, hochspezialisiertes und abseits von großen Städten liegendes Museum tragen könnte. Zudem zeigten die Besitzer und die Stadt wphl keinerlei Interesse an solchen Ideen.

Hans Bauer, Buchdruck, Buchhochdruck, Letterpress
Ein Blick in die Druckerei Hans Bauer, Erdgeschoß, rechts die Original Heidelberger Tiegel, links hinten Planeta und Schelter & Giesecke.
Hinten rechts die Reinhardt Liniermaschinen. Eine davon druckt heute im „Maschinenzoo“ in der Schweiz, ihre Schwester war leider nicht mehr zu retten.
Zur Ausstattung gehörten zahlreiche alte Schriften in Blei, Holz und Messing; darunter auch sehr gut erhaltene Fraktur-Schriften
Detail des Original Heidelberger Tiegel
Druckerei Hans Bauer, Geschäftsbücher-Fabrik, Buchdruck, Buchhochdruck, Maschinensatz, Original Heidelberger Tiegel, Schelter & Giesecke, Planeta NA3, Förste & Tromm, Gestetner, Schimanek, Kroll, Brehmer, Mansfeld, Foto: Stephan Mallik
Tinten trifft man in Buchdruckereien eher selten an. Diese hier dienten dem mehrfarbigen Druck der Linien in Kontor-Büchern.
Schriften und Setzschränke fanden bei der Auflösung schnell neue Eigentümer.
Eine Planeta Buchdruckmaschine aus Dresden. 1938 benannte sich die Dresden-Leipziger Schnellpressenfabrik AG in Planeta Druckmaschinen um. Namensgebend war der selbst entwickelte Planeten-Antrieb. Zu diesem Zeitpunkt war der Buchhochdruck fast schon auf dem Rückzug, bereits 1932 stellte die Firma die weltweit erste Vierfarben-Bogenoffsetmaschine vor.
Eine Schelter & Giesecke Buchdruckmaschine. Der Zustand der Walzen zeugt von jahrelanger Vernachlässigung der Maschinen.
Detail der Schelter & Giesecke, Leipzig
Die Maschine links im Bild ist etwas sehr Seltenes: Eine Reinhardt Liniermaschine, mit der die Linien in Geschäftsbüchern über gespannte Fäden mit Tinte gedruckt wurden.
Reinhardt Liniermaschine
Original Heidelberger Tiegel, auch für diese Maschinen fanden sich Käufer. Beide Maschinen sollen heute wieder im Einsatz sein.
Der Meister bei der Arbeit. Undatierte Aufnahme, vermutlich aus den 1980er Jahren.
Heute lassen wir uns in Sekundenschnelle Schriften am PC anzeigen. ZU zeiten des Buchdrucks gab es dafür Schriftmusterbücher. Zusätzlich erstellten viele Setzereien und Druckereien eigene Musterbücher, in denen sie die Schriften in ihrem Bestand abdruckten.
Feldpostbrief eines Mitarbeiters aus dem II. Weltkrieg an die Hofer Geschäftsbücher-Fabrik, abgestempelt 1942
Preisliste der „Hofer Geschäftsbücher-Fabrik“.
Fadenheftmaschine von Brehmer.
Firmenschild der Maschinenfabrik Christian Mansfeld, Leipzig
Tiegeldruckpaste von Kast & Ehinger/Stuttgart
Um die Maschinen aus dem Haus zu bringen, mussten die Wände im Erd- und Obergeschoß geöffnet werden.
Druckerei Hans Bauer, Geschäftsbücher-Fabrik, Buchdruck, Buchhochdruck, Maschinensatz, Original Heidelberger Tiegel, Schelter & Giesecke, Planeta NA3, Förste & Tromm, Gestetner, Schimanek, Kroll, Brehmer, Mansfeld, Foto: Stephan Mallik

A print shop in hibernation

Even after two years this fascinating picture does not let go of me: At the beginning of 2017 I visited the former Hans Bauer business book printing house in Hof – a 100 year old, fully equipped book printing and bookbinding plant which had been abandoned 10 years ago.

I had never seen anything like it before: It seemed as if the print shop was in hibernation and the employees had just gone outside. Fonts, typesetting and paper were ready, printing plates were clamped in the machines, ink was still in the ink ducts, but in the meantime in tar consistency. This is how you imagine the fairy tale of Sleeping Beauty, when every activity is interrupted from one moment to the next.

I was invited by the representatives of the heirs. The building had to give way to a new shopping center and (if possible) all machines, other equipment and material were to be sold.

The company Hans Bauer had furnished itself in the two floors of a building in a backyard. On the ground floor were the small sales office, a warehouse and the printing works. Above was the bookbindery for further processing. There was no elevator, so the printed sheets had to go up the stairs for further processing and the finished products had to be carried down again. By the way, there was also no gate, as I noticed after a while. How had the big machines been brought into the house back then? And how could they get out again?

The stock of machines read like the who-is-who of German printing and bookbinding machine construction of the last century: Original Heidelberger Tiegel, Schelter & Giesecke, Planeta NA3, Förste & Tromm, Gestetner, Schimanek, Kroll, Brehmer, Mansfeld … plus many fonts and decorative elements in lead, wood and brass.

What did not exist was a typesetting machine. Setting was done by hand, with the focus of production probably being on business and account books. Two rare Reinhardt laminating machines were used for their production.

The machinery and the special product range probably explain the decline of the print shop. Who still uses Kontor books today? The leap to offset printing had not been made, the letterpress retro wave was not yet in sight (but would not have been able to feed such a large company either).

In spite of its illustrious names, the machine park was a picture of misery. After years in unheated rooms, rust and mildew had formed and moss grew on some printing rollers. Both the high expenditure for the restoration to be expected from it, and the difficulties to get the machines out of the inaccessible building at all, deterred many prospective customers at first, unfortunately also me – which worries me until today sometimes.

Nevertheless, I wanted to support the attempt to find new owners for as many of the machines and other equipment as possible.

At that time I was already responsible for the online communication of the letter types in Berlin, which are well known and networked in the letterpress industry. Our Facebook article about the print shop’s sell-out reached over 40,000 readers.

What was even more important was that it generated numerous inquiries from interested parties all over the world. In the end, the equipment was sold almost entirely to print shops and museums. One of the two Reinhardt laminating machines was also saved; today it prints at the Maschinenzoo/Lineagloria in Switzerland.

A little bit of melancholy about what had been lost nevertheless remained. After all, the soul of a craft business is not only shaped by the sum of its machines, but also by the interplay of technology and space and by the traces that people have left behind here in over 100 years of printing and bookbinding history.

Could it have been possible to turn the print shop into a museum? Many readers saw in it an interesting perspective, as they did later with the dissolution of the typesetting department at the Oberreuter printing works. A nice idea, but I personally don’t believe – despite all my enthusiasm for the book printing trade – that such a small, highly specialized museum located away from big cities could support itself.

4 Antworten auf „Eine Druckerei im Winterschlaf“

Hallo Anke, das Haus steht leider nicht mehr und die Maschinen sind in alle Winde verstreut. Aber die Bilder beschreiben ganz gut, wie es dort aussah. Wir hoffen ja immer, bald mal wieder etwas Ähnliches aufzuspüren. Dieses Mal würden wir „richtig“ und mit Zeit fotografieren, in Hof hatten wir nur wenige Stunden, um alles zu erfassen. Viele Grüße, Stephan

Hallo Heike, diesen Vorschlag hat es gegeben, aber weder die Stadt noch die Eigentümer hatten daran wohl ein Interesse. Außerdem wurde ja der Platz für einen Neubau gebraucht und ich finde, dass die alten Maschinen an einem neuen Ort nicht den gleichen Eindruck machen würden, wie an dem Ort, in dem sie fast 100 Jahre gearbeitet haben. Aber es gibt ja zum Glück noch andere feine Museen, bspw. in Leipzig oder in der Schweiz. Über das TYPORAMA-Museum (http://www.typorama.ch) wollen wir demnächst einen Beitrag veröffentlichen. Über das (kleine) Technikmuseum in Magdeburg hatten wir hier auch schon berichtet. Viele Grüße, Stephan

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Ich akzeptiere