Wenn Fotopolymer das Blei ablöst. Ist das noch Buchdruck?

Fotopolymer-Platte im Buchdruck | Foto: Aileen Kapitza

Unter Eingeweihten gibt es eine zuweilen recht leidenschaftlich geführte Diskussion, was denn „echter“ Buchdruck wäre. Ganz konservative Vertreter sind der Auffassung, nur Hand- und Zeilensatz wären authentisch im Sinne der Gutenbergschen Idee. Lediglich für Abbildungen wären Klischees als Druckform okay.

Jüngere Drucker sind oft etwas pragmatischer und beantworten die Frage, ob Buchdruck und Letterpress auch ohne Blei denkbar wären, mit: Ja, gerne!

Hand- und Maschinensatz sind großartiges Handwerk, sie haben aber gerade bei Projekten mit hohem Textvolumenechte Handicaps: Sie sind teuer, sie brauchen Zeit und man ist in der Gestaltung limitiert. Hinzu kommt, dass man dafür entweder größere Schriftbestände oder Setzmaschinen benötigt, die dann auch noch jemand bedienen können muß. Sowohl Schriften als auch Menschen, die Setzmaschinen produktiv bedienen können, sind zunehmend rar.

Und es gibt noch einen weiteren gewichtigen guten Grund, die Bleilettern auch mal im Regal zu lassen – zum Beispiel, um sie zu bewahren!

In der Tat ist der Druck vom Handsatz in Blei etwas sehr Schönes. Wenn Aufwand adelt, ist er der Goldstandard. Bei aller Sorgfalt des Setzers werden Adleraugen kleine Unregelmäßigkeiten im Schriftbild erkennen, was dem Druck etwas sympathisch Unperfektes verleiht und ihn als von Hand gemacht hervorhebt.

Doch wo Licht ist, ist auch Schatten. Die Kehrseite der Medaille sind lange Vorlaufzeiten und hohe Kosten für die Handarbeit. Man muss sich nur einmal historische Fotos von Setzereien um die Jahrhundertwende anschauen. Wenn man sieht, wie viele Leute dort damit beschäftigt waren, Texte zu setzen, versteht man, dass umfangreicher Handsatz von Texten heute nicht mehr möglich ist.

Man könnte einwenden, dass an Stelle von Lettern doch auch der Zeilensatz eine Möglichkeit wäre. Es existieren ja in vielen Druckereien noch funktionsfähige Mono- und Linotypes und andere Setzmaschinen. Auf den ersten Blick stimmt das. Aber erstens benötigt man dafür fittes Personal, und auch der Zeilensatz will irgendwann zu einer Druckform zusammengefügt werden. Er schont zwar die Bleischriften, dafür entstehen an anderer Stelle Aufwand und Kosten.

Nehmen wir ein Beispiel aus der Verlagspraxis. Ein Verleger möchte die Startauflage eines Buchs im Buchhochdruck herstellen. Er hofft natürlich (insgeheim, macht jeder Verleger, der mit dem Herzen bei der Sache ist!), dass sein Buch im Verkauf durch die Decke geht und auch auf der Longlist läuft.

Sicher sein kann er sich aber nicht. Auf Verdacht auf Vorrat drucken macht im kommerziellen Buchgeschäft heute jedoch kein Mensch mehr, sowohl die Herstellung als auch die Lagerung sind feste Kosten, die man nicht gerne hat. Der Zwang zum Sparen trifft in der Regel zuerst die Höhe der Erstauflage.

Wie soll unser Verleger also für den Fall eines Nachdrucks vorsorgen, wenn die Startauflage dann tatsächlich schnell vergriffen ist? Soll er die Druckformen für einen schnellen Nachdruck aufbewahren (lassen)? Wir sprechen hier im Zweifel von sehr viel Blei in Regalen. Oder soll er für einen Nachdruck das Buch noch einmal in Blei setzen? Dieses Dilemma vor Augen, würde es wohl bald keine Bücher mehr im Buchhochdruck geben.

Was sagt uns das? Der Druck umfangreicher Texte vom Klischee ist eigentlich keine Alternative, sondern die einzig realistische Möglichkeit, den Buchhochdruck auch in der Herstellung von Büchern lebendig zu halten.

Rettet die Lettern!

Klischees an Stelle von Lettern zu verwenden, leistet auch einen Beitrag dazu, den Bestand an Schriften zu erhalten. Bleilettern (die nicht nur aus Blei bestehen -> Lexikon) verschleißen recht schnell, wenn sie im Letterpress mit kräftigem Anpressdruck verwendet werden.

Je nach Papiersorte und Druck geht das sogar ziemlich schnell. Früher hätte man einen neuen Satz Lettern gekauft, das ist heute so leicht nicht. Wie viele Schriftgießereien gibt es eigentlich noch? Wir kennen nur die Schriftgießerei von Rainer Gerstenberg, der seine Werkstatt im Haus des Hessischen Landesmuseum Darmstadt eingerichtet hat.

Auch das Buchkunstmuseum Muzeum Książki Artystycznej in Łódź/Polen gießt wohl gelegentlich Lettern. So geschehen unlängst in der Produktion der frisch digitalisierten Schrift Brygada (Link zum Projekt), allerdings nur in einer einzigen Schriftgröße (36 Punkt), gegossen auf einer Monotype.

Wer kennt weitere Anbieter?

Handgießapparat für den Guß von Bleilettern, wie ihn (ganz ähnlich) schon Gutenberg entwarf | Foto: Rafal Ramatowski

Angesichts der Tatsache, dass komplette Schriften allmählich selten und auch teuer werden, und dass verbrauchte Schriftsätze nicht so leicht zu ersetzen sind, möchte Letterpress im Handsatz mit Bleilettern also gut überlegt sein. Das gilt übrigens auch für den Buchdruck, der mit sehr viel weniger Anpressdruck arbeitet. Auch hier verschleißen die Lettern früher oder später.

Der Druck von Texten vom Klischee (Fotopolymer oder Magnesium, auch andere Materialien sind möglich) ist also nicht nur wirtschaftlich sinnvoll, sondern auch eine bestandsschonende Alternative zum Handsatz in Blei.

Klischees für das Drucken (fast) ohne gestalterische Grenzen

Doch nicht nur das. Fast noch wichtiger ist, dass er die Limitierungen des Handsatzes im Layout aufhebt. Schaut euch Anzeigenseiten aus der Jahrhundertwende an. Spätestens nach fünf Anzeigen wiederholt sich das gestalterische Muster, weil die Setzer sich in den Grenzen ihrer Linien und Schmuckelemente bewegen mussten.

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Der Drogenhändler, 1917 | Foto: Daniel Klotz

Der Druck vom Klischee ermöglicht auch Letterpress-Werkstätten die Umsetzung von textlastigen Projekten, die keine umfangreichen Schiftsammlungen haben. In unserem Blog-Beitrag über die Lettertypen haben wir die Diskussion von Handsatz versus Klischee schon einmal ausführlicher besprochen.

Und ganz grundsätzlich erfüllen natürlich auch Klischees die Grundvoraussetzung des Buchdrucks: Alles, was hochsteht, wird gedruckt.

PS: Die Fotopolymer-Platten haben eine dünne Stahlplatte als Träger. In der Druckmaschine werden sie von starken Magnetfundamenten gehalten, was die Arbeit sehr erleichtert.

Das Titelfoto dieses Beitrags zeigt eine Fotopolymer-Platte, mit der die Lettertypen gemeinsam mit Aileen Kapitza ein Plakat auf dem Original Heidelberger Cylinder druckten. Aileen ist Fotografin, auf ihrem minzgrün veggie foodblog schreibt sie zudem über vegane und vegetarische Ernährung. Auch das Foto oben stammt von ihr.

Fotopolymer-Platten in der Johannisberger Schnellpresse. Hier wird gerade die Zeitung der Krautreporter bei den Lettertypen gedruckt | Foto: Daniel Klotz/Lettertypen
Fotopolymer-Platten in der Johannisberger Schnellpresse | Foto: Daniel Klotz/Lettertypen

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