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Buchdruck und Letterpress – Die neue Lust am Analogen

Letterpress, Holzlettern, Buchdruck
Im Buchdruck wird alles gedruckt, was auf der Druckform hochsteht. Daher auch der Name des Verfahrens: Buchhochdruck. Für große Schriftgrößen im Handsatz werden dabei oft Holzlettern verwendet, weil Bleilettern zu schwer und zu teuer wären | Foto: Aileen Kapitza

Lange galt er als verbleites Old-Business, hoffnungslos abgehängt vom bunten Offsetdruck, attraktiv nur noch für Altmetallsammler. Jetzt ist der Buchdruck im neuen Gewand als Letterpress (auch “Boston-Style” genannt) wieder angesagt: Knackig, schick, bodenständig, handwerklich, designorientiert, mit cleveren Lösungen für Satz und Druckformen, repräsentiert von Gründern, die oft halb so alt sind, wie ihre liebevoll gehegten Maschinen.

Dass “er” wieder da ist, mag auf den ersten Blick viel mit der neuen Lust am Analogen als Gegenstück zur Flüchtigkeit und Digitalisierung unseres Alltags zu tun haben.

Doch geht es wohl um mehr, als nur um Nostalgie und Rückbesinnung. Was vor einigen Jahren als Garagen-Kunst junger Kreativer in den USA begann, hat auch wirtschaftliches Potential – und es wird von vielen Unternehmen ganz bewusst auch in ihre Kommunikation eingebunden.

Der Original Heidelberger Cylinder ist einer der ganz großen Klassiker unter den Buchdruckmaschinen. Dieser hier ist Baujahr 1954 – ein sogenannter „Knochenbrecher“, weil die Einhebelsteuerung beim Not-Aus oder bei Leerlaufen des Anlegers ohne Vorwarnung von der Stellung „Druck“ in die Stellung „Halt“ springt | Foto: Aileen Kapitza

Starke Botschaft, schön verpackt

Denn Buchdruck-, ganz besonders aber Letterpress-Produkte senden starke Signale an ihren Empfänger, in denen Handwerk, Tradition, Entschleunigung, Umweltbewusstsein und Nachhaltigkeit, aber auch Leidenschaft, Sorgfalt, Wertschätzung und Großzügigkeit eine Rolle spielen: Schau her, dieses schöne Teil habe ich in einem ganz besonderen Herstellungsprozeß für dich gemacht. Weil du und mein Produkt es mir wert sind.

Mit solidem Handwerk, schönen Drucksachen und coolem Sound präsentiert sich Letterjazz von Sven Winterstein in Essen

Diese herausragende Wertschätzung ist auch nötig, denn billig sind Buchdruck und Letterpress nicht. Ihre große Chance und logische Konsequenz im Wettbewerb mit dem Offsetdruck war es, den Buchdruck in seiner Spielart Letterpress zum Kunsthandwerk zu verfeinern und schöne Dinge herzustellen, für die wir bereit sind, einen Aufpreis jenseits des reinen Nutzwerts zu zahlen. Marketingexperten wissen: Gut gedruckt wird angeguckt.

Dazu passt, dass Letterpress-Produkte oft besonders sorgfältig, liebevoll und mit künstlerischem Anspruch gestaltet sind – selbst wenn es sich nur um Alltagsdrucksachen wie Visitenkarten oder Flyer handelt. Fast könnte man meinen, der Letterpress würde “seine” Designer ermutigen, ihrer Kreativität und ihrem Können endlich einmal freien Lauf zu lassen, weitab von Farbschlachten in 4c und Stock-Fotos.

Dank dieser Entwicklungen werden die Maschinen und das Wissen über ein Druckverfahren lebendig bewahrt, dessen Ergebnisse „im digitalen Druck nur noch unter außerordentlichen Bedingungen zu erreichen sind“ (DIE ZEIT).

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Letterpress-Karte mit gestanzter Außenkontur | Projekt und Foto: Letterjazz

Buchdruck, Buchhochdruck und Letterpress. Alles ein und dasselbe?

Buchdruck, Buchhochdruck – ein 1930er Lexikon spricht auch vom Buchbinderdruck– und Letterpress werden oft synonym verwendet, wobei jüngere Leute eher vom Letterpress sprechen. Wo sind die Gemeinsamkeiten, wo die Unterschiede? Und spielt das überhaupt eine Rolle?

Es gibt eigentlich nur einen – dafür aber existenziellen – Unterschied, ohne den das Revival des Buchdrucks aka Letterpress wohl ausgefallen wäre. Doch schauen wir zunächst auf die Gemeinsamkeiten.

Die alltagssprachliche Verkürzung des Buchhochdrucks ist der Buchdruck. Beim Buchdruck und seiner (gemessen an der 500jährigen Geschichte des Druckverfahrens) jugendlichen Interpretation Letterpress übertragen die hochstehenden Teile einer Druckform Farbe auf das Papier: “Beim Buchdruck befindet sich das abzudruckende Bild erhaben an der Oberfläche der Druckform, so daß von den Farbwalzen nur die Zeichnung berührt und eingefärbt werden kann, bevor der Abdruck erfolgt” (Brockhaus, 1930).

Wie die Druckform beschaffen ist, spielt dabei zunächst per Definition keine Rolle. Das kann eine Druckform im Hand- und Maschinensatz, aus Blei-, Holz-, Kunststoff- oder Messinglettern, ein Linol- oder Holzschnitt, ein Magnesiumklischee oder eine Fotopolymerplatte sein (mehr dazu in diesem Beitrag). Das entscheidende Prinzip heißt in allen Fällen: Was auf der Druckform hochsteht, wird gedruckt.

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Ob der reingeht? Für die Wiedereröffnung des Druckerei-Museums Plantin-Moretus druckte SUPERDRÜK aus Antwerpen Postkarten mit originalen holzgeschnittenen Druckstöcken aus dem 16. Jahrhundert (!), kombiniert mit neuen Motiven und Ideen | Foto: SUPERDRÜK Studio run by Stoffel Van den Bergh

Den wesentlichen Unterschied zwischen Buchdruck und Letterpress machen der Anpressdruck der Druckform in das Papier und das daraus resultierende Druckbild aus.

Beim klassischen Buchdruck soll die Druckform das Papier nur gerade so stark berühren, dass die Farbe übertragen wird. Ein altes Druckerlehrbuch beschreibt das so: “Die Farbe soll beim Drucken nicht von der Form abgequetscht, sondern nur auf den Druckträger übertragen, also gedrückt werden. Drucken bedeutet, genau betrachtet, nichts anderes, als Farbe bewegen.” Ältere Drucker berichten, dass Lehrlinge schon mal eine Ohrfeige vom Meister kassierten, wenn ihnen das nicht gelang.

Beim Letterpress würde es unter diesen Voraussetzungen Ohrfeigen hageln, denn hier entsteht durch den höheren Anpressdruck der Druckform in das Papier gezielt ein leicht reliefartiges Druckbild, das man sehen und tastend fühlen kann. Die Oberfläche des Papiers wird an den Motivstellen leicht verdichtet, es entstehen die typischen Quetschfalten. Oder, wie es Thomas Karcher von der Druckerei Butz & Bürker formulierte: “Letterpress geht nicht auf das Papier drauf, sondern in das Papier rein.”

Plattencover für das Eli Keszler-Album „Last Signs of Speed“, ausgezeichnet mit einem Paperazzo Haptik Award 2017. Gedruckt wurde vom Fotopolymer-Klischee auf einem Original Heidelberger Cylinder bei den Lettertypen in Berlin

Die relativ geringe Bedeutung des klassischen Buchdrucks gegenüber dem Letterpress hat übrigens einen – im wahrsten Sinne des Wortes offensichtlichen – Grund: Man erkennt ihn nicht. Weil er ohne den Einschlag der Lettern im Papier daherkommt, kann man ihn nur schwer bis gar nicht vom Offsetdruck unterscheiden. Der Fotograf Stefan Groenveld hat eine ähnliche Erfahrung in der Fotografie mit einer Leica-Kamera beschrieben: “Leica Optiken haben oftmals den besten Look. Dreidimensionalität, Bokeh und Schärfe gibt es hier auf kleinstem Raum […] Das Problem beim Zeigen der Bilder im Netz: kaum jemand sieht den Unterschied […]”

Für Buchdrucker ist es jedoch frustrierend und auch wirtschaftlich wenig sinnvoll, etwas mit großem Aufwand zu erzeugen, das der Beobachter im ersten Moment nicht als besonders wahrnimmt. Deshalb sind heute gefühlt 99% der Buchdrucksachen Letterpress-Jobs – aber 99,9% aller Jobs werden im Offset oder digital gedruckt.

Macht auch auf Natur- und Recycling-Material eine gute Figur: Letterpress im Verpackungsdruck | Projekt und Foto: Letterjazz, Gestaltung: Dirk Uhlenbrock

Dennoch nehmen viele kleine Verlage und Druckereien erhebliche Mühen und Kosten auf sich, um Bücher im klassischen Buchdruck für bibliophile Zielgruppen herzustellen – was allerdings schon vor dem Revival des Buchdrucks als Letterpress so war.

Wie vielfältig, kreativ und vital diese Szene ist, kann man im Hamburger Museum der Arbeit bei der Messe BuchDruckKunst (März 2020) oder der Mainzer Minipressen-Messe, einer internationalen Buchmesse der Kleinverlage und Handpressen erleben (30. Mai bis 2. Juni 2019).

Auch “industriell” (im Sinne hoher Auflagen) werden wieder Bücher im Buchdruck hergestellt. Nicht viele, aber immerhin. So hat der Suhrkamp-Verlag 2018 in seiner neuen Letterpress-Edition sieben Bände im Buchdruck vorgelegt – und mit den ausführenden Druckern, den Lettertypen in Berlin, den Spagat geschafft, dass man das Druckbild ganz leicht spürt (Erkennungszeichen), ohne das Papier zu prägen: “Mit satter Farbe entsteht beim Drucken ein leichter Hof zwischen Abbild und Papier”.

Das Fazit: Drucken kommt von Drücken. Je nachdem, wie heftig man drückt, hat man Buchdruck oder Letterpress erzeugt.

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Massiv und “für die Ewigkeit” zu bauen, galt einst als Tugend der Konstrukteure. Im Hintergrund eine Johannisberger Schnellpresse von 1924 mit Ungerer Anleger von 1925, links eine Linotype-Zeilensetzmaschine Mod. 16 von 1976 | Foto: Aileen Kapitza

Wir geben zu: Die ganze Diskussion um die beste Interpretation von Buchdruck und Letterpress hat einen leicht akademischen Einschlag, wenngleich sie von manchen Traditionalisten recht leidenschaftlich geführt wird. Die ultimativ verbindliche Definiton wird und muss es ohnehin nicht geben.

Hauptsache ist, dass ihr Lust habt, den Buchdruck einmal auszuprobieren und dass ihr wisst, was dabei gestalterisch möglich und technisch zu beachten ist.

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Handsatz mit Bleilettern, kombiniert mit Fotopolymerklischee | Foto: Aileen Kapitza

Worum geht es hier?

Wir wollen hier unsere Freude am analogen Buchdruck mit euch teilen, der nicht nur ein großartiges Handwerk, sondern seit 2018 auch immaterielles Weltkulturerbe ist.

Neben etwas Theorie werden wir auch ganz praktische Fragen behandeln: Was passt besser zu meinem Projekt: Klassischer Buchdruck oder Letterpress? Wie finde ich den besten Drucker für mein Projekt? Womit erzielt man das beste Druckbild: mit Klischee, Handsatz oder Maschinensatz? Worauf ist bei Buchdruck-Jobs in der Vorbereitung zu achten? Ist Buchdruck tatsächlich “grün”? Was kostet das? …

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